Mit den Lebensjahren wächst bei vielen Menschen die Zahl der täglichen Verordnungen. Eine Tablette gegen Bluthochdruck, eine für die Blutfettwerte, ein Präparat für das Herz, ein Magenschutz und am Abend ein Mittel zum besseren Einschlafen: Was einzeln betrachtet sinnvoll begonnen wurde, summiert sich im Laufe der Zeit oft unbemerkt zu einem unübersichtlichen Schema. In der Geriatrie spricht man von Polypharmazie, wenn mindestens fünf verschiedene Wirkstoffe dauerhaft und gleichzeitig angewendet werden.S33
In Deutschland betrifft dieser Zustand mehr als vierzig Prozent der Menschen über 65 Jahren.S34 Auf diese Altersgruppe entfällt mehr als die Hälfte aller verordneten Tagesdosen. Doch ein alternder Körper verarbeitet Wirkstoffe grundlegend anders als ein jüngerer Organismus. Dosierungen, die mit fünfzig Jahren gut vertragen wurden, können zwanzig Jahre später zu Benommenheit, schweren Stürzen oder Verwirrtheit führen. Eine regelmäßige, strukturierte Überprüfung der gesamten Dauermedikation ist deshalb kein Zeichen von Misstrauen, sondern eine der wirksamsten Maßnahmen für mehr Sicherheit und Selbstständigkeit im Alltag.
Wie der alternde Körper Arzneimittel verarbeitet
Warum werden früher verträgliche Medikamente im höheren Lebensalter plötzlich problematisch? Die Ursache liegt in physiologischen Veränderungen, die jeden Menschen betreffen, auch wenn er sich gesund und vital fühlt.S33
Erstens verschiebt sich die Zusammensetzung des Körpers: Der Wasseranteil sinkt um zehn bis fünfzehn Prozent, während der relative Fettgewebeanteil zunimmt. Das hat direkte Folgen für die Verteilung von Arzneimitteln. Fettlösliche Substanzen wie Beruhigungsmittel oder Schlafmittel (beispielsweise Diazepam oder Zolpidem) lösen sich im Fettgewebe und verbleiben dort wesentlich länger als bei jüngeren Menschen. Statt nach wenigen Stunden abgebaut zu sein, können sie über Tage hinweg im Körper verweilen und sich bei täglicher Einnahme anreichern. Wasserlösliche Substanzen wie bestimmte Herzmedikamente verteilen sich dagegen in einem kleineren Flüssigkeitsvolumen, wodurch Standarddosen rasch unerwartet hohe Konzentrationen im Blut erreichen.S35
Zweitens arbeiten Leber und Nieren langsamer. Die glomeruläre Filtrationsrate der Nieren nimmt ab dem vierzigsten Lebensjahr kontinuierlich ab. Weil im Alter gleichzeitig oft Muskelmasse verloren geht, bleibt der gewöhnliche Kreatininwert im Blut häufig trügerisch unauffällig, obwohl die tatsächliche Ausscheidungsleistung der Niere bereits deutlich eingeschränkt ist. Werden Medikamente, die über die Nieren ausgeschieden werden, nicht an diese veränderte Leistung angepasst, steigt das Risiko einer schleichenden Überdosierung.S33
Drittens reagiert das Gehirn empfindlicher. Der Verlust von Nervenzellen und Botenstoffen im zentralen Nervensystem führt dazu, dass dämpfende und beruhigende Wirkstoffe viel stärkere Ausfälle hervorrufen. Gleichzeitig reagieren die Blutdruckfühler in den Gefäßen träger. Wenn ein älterer Mensch rasch aufsteht, versackt das Blut in den Beinen; sind dann mehrere blutdrucksenkende Mittel im Spiel, kommt es zu plötzlicher Kreislaufschwäche. Wie eng Schwindel und Medikation zusammenhängen, beschreibt der Beitrag über Schwindel im Alter.
Die Verschreibungskaskade: Eine Nebenwirkung wird als neue Krankheit behandelt
Ein besonders tückisches Risiko der Multimedikation ist die sogenannte Verschreibungskaskade.S33 Sie entsteht, wenn die unerwünschte Nebenwirkung eines Medikaments nicht als solche erkannt, sondern fälschlicherweise für eine neu aufgetretene Krankheit gehalten wird. Die Folge: Es wird ein zweites Medikament verordnet, um das Symptom des ersten zu behandeln. Dieses zweite Mittel erzeugt wiederum eigene Beschwerden, was zu einer dritten Verordnung führt.
In der Praxis begegnen Geriatern immer wieder dieselben typischen Kaskaden:
Ein verbreiteter Blutdrucksenker aus der Gruppe der Kalziumantagonisten (wie Amlodipin) führt bei manchen Menschen zu geschwollenen Knöcheln. Werden diese Schwellungen nicht als gefäßerweiternde Nebenwirkung verstanden, sondern als angebliche Herzschwäche gedeutet, folgt oft die Verordnung einer Entwässerungstablette (ein Diuretikum). Das Diuretikum wiederum schwemmt wichtige Mineralstoffe aus, führt zu Flüssigkeitsmangel und Blutdruckabfall im Stehen, was letztlich in einem schweren Sturz enden kann.
Ein anderes Beispiel betrifft Schmerzmittel: Gegen Knieschmerzen wird über Wochen ein entzündungshemmendes Mittel wie Ibuprofen eingenommen. Dies führt zu Magenbrennen und lässt gleichzeitig den Blutdruck steigen. Statt das Schmerzmittel zu reduzieren oder durch lokale Salben zu ersetzen, verordnet die Praxis einen dauerhaften Magenschutz (Protonenpumpeninhibitor) und erhöht die Dosis des Blutdrucksenkers.
Dass solche Kaskaden entstehen, liegt selten an mangelnder Sorgfalt, sondern an der Aufteilung der Medizin auf verschiedene Fachdisziplinen. Wenn die Kardiologin, der Orthopäde und die Urologin unabhängig voneinander Rezepte ausstellen, ohne den Gesamtüberblick abzugleichen, verliert sich der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Umso wichtiger ist ein vollständiger, zentral geführter Medikationsplan, der alle Präparate an einer Stelle bündelt.
Potenziell ungeeignete Medikamente und die PRISCUS-Liste 2.0
Nicht jedes Medikament, das für jüngere Erwachsene erprobt ist, eignet sich für Menschen im höheren Lebensalter. Um Ärztinnen und Apothekern eine wissenschaftliche Orientierung zu geben, wurde in Deutschland die sogenannte PRISCUS-Liste entwickelt. Im Jahr 2023 erschien unter Federführung klinischer Pharmakologen die grundlegend aktualisierte Fassung PRISCUS 2.0.S34
Die Liste benennt Wirkstoffe, deren Risiken bei über 65-Jährigen den erwarteten Nutzen meist übersteigen, und empfiehlt risikoärmere Alternativen. Entscheidend an der neuen Fassung ist, dass sie nicht nur Wirkstoffe pauschal bewertet, sondern konkrete Schwellen für Dosis und Dauer benennt.S35 So gilt ein Magenschutzmittel wie Pantoprazol oder Omeprazol heute ab einer Einnahmedauer von mehr als acht Wochen als potenziell ungeeignet, sofern keine schwere Speiseröhrenentzündung vorliegt.
Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Wirkstoffgruppen zusammen, die bei älteren Menschen besonders häufig zu vermeidbaren Problemen führen:
| Wirkstoffgruppe / Anwendungsgebiet | Typische Risiken im höheren Alter | Mögliche Alternative oder Prüffrage |
|---|---|---|
| Schlaf- und Beruhigungsmittel (Benzodiazepine wie Lorazepam, Diazepam; Z-Substanzen wie Zolpidem, Zopiclon) | Stark erhöhtes Sturz- und Frakturrisiko durch Muskelschwäche; Schläfrigkeit am Folgetag; Verwirrtheit; rasche Gewöhnung und Abhängigkeit nach wenigen Wochen.S34 | Ist die Einnahme auf maximal zwei bis vier Wochen befristet? Nichtmedikamentöse Schlafhygiene; bei anhaltenden Beschwerden Prüfung risikoärmerer Alternativen ohne Sturzrisiko. |
| Ältere Antidepressiva (Trizyklika wie Amitriptylin, Doxepin) | Hohe anticholinerge Wirkung: akute Verwirrtheit, Mundtrockenheit, Verstopfung bis zum Darmverschluss, Harnverhalt, Herzrhythmusstörungen, plötzlicher Blutdruckabfall im Stehen.S35 | Kann auf moderne Präparate mit geringeren Begleitwirkungen gewechselt werden? Bei chronischen Schmerzen physiotherapeutische und schmerztherapeutische Verfahren prüfen. |
| Mittel gegen Harndrang (Urologische Spasmolytika wie Oxybutynin) | Blockieren wichtige Botenstoffe im Gehirn; können bestehende Gedächtnisstörungen verstärken, Halluzinationen auslösen und zu Restharn in der Blase führen.S35 | Wurde die Inkontinenz durch ein anderes Medikament ausgelöst? Gezieltes Beckenbodentraining, Toilettentraining; gegebenenfalls Umstellung auf Substanzen, die das Gehirn nicht erreichen. |
| Klassische Schmerzmittel (NSAR wie Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen) | Schwere, oft schmerzlose Magenblutungen; akute Verschlechterung der Nierenfunktion; Wasseransammlungen im Körper; Wirkungsabschwächung von Blutdrucksenkern.S34 | Ist eine Einnahme als Tablette zwingend nötig? Bei Arthrose vorrangig schmerzlindernde Gele zum Einreiben nutzen; physikalische Anwendungen und Bewegung prüfen. |
| Magenschutzmittel als Dauertherapie (Protonenpumpeninhibitoren wie Pantoprazol, Omeprazol über 8 Wochen) | Verminderte Aufnahme von Vitamin B12, Kalzium und Magnesium; erhöhtes Risiko für Knochenbrüche; Begünstigung von Darminfektionen und Lungenentzündungen.S34 | Liegt eine gesicherte Dauerindikation vor? Nach Abheilen akuter Magenprobleme schrittweises Ausschleichen prüfen; bei gelegentlichem Sodbrennen Bedarfsmedikation. |
| Ältere Blutzuckertabletten (Sulfonylharnstoffe wie Glibenclamid, Glimepirid) | Schwere, lang anhaltende Unterzuckerungen, die im Alter oft ohne Zittern verlaufen und sich direkt als Sturz, Sprachstörung oder Verwirrtheit äußern.S33 | Sind die Zielwerte für die persönliche Lebensphase zu streng gewählt? Prüfung modernerer Diabetesmedikamente ohne Unterzuckerungsrisiko. |
| Zu strenge Blutdrucksenkung (Mehrfachkombinationen von Blutdruckmitteln) | Zu niedrige Werte im Stehen (unter 110 zu 70); Schwindel beim Aufstehen, Gangunsicherheit, Stürze und Durchblutungsminderung des Gehirns.S33 | Treten Schwindel oder Schwäche nach dem Aufstehen auf? Blutdruckziele im hohen Alter maßvoll anpassen und primär Beschwerdefreiheit anstreben. |
Geordnetes Absetzen: Warum Eigeninitiative gefährlich ist und wie Tapering gelingt
Wenn ältere Menschen oder Angehörige von den Risiken der Multimedikation erfahren, entsteht manchmal der verständliche Impuls, überflüssig erscheinende Tabletten von einem Tag auf den anderen wegzulassen. Davor muss eindringlich gewarnt werden. Das eigenmächtige Absetzen verordneter Medikamente birgt erhebliche Lebensgefahren.S33
Viele Wirkstoffe verändern über Wochen und Monate das Zusammenspiel der Rezeptoren im Körper. Fällt das Medikament schlagartig weg, kommt es zu sogenannten Rebound-Phänomenen: Der Körper reagiert mit einer heftigen Gegenreaktion. Wer ein Magenschutzmittel plötzlich stoppt, erlebt oft eine explosionsartige Überproduktion von Magensäure, die weit schlimmer brennt als die ursprüngliche Beschwerde. Werden Betablocker abrupt abgesetzt, kann das Herz mit lebensgefährlichem Herzrasen und Blutdruckspitzen reagieren. Beim plötzlichen Absetzen von Schlaf- oder Beruhigungsmitteln drohen schwere Entzugssymptome mit Angstzuständen, Schlaflosigkeit, Zittern oder Krampfanfällen.S35
In der Altersmedizin gibt es für das geordnete Beenden von Medikamenten ein festes Konzept: das Deprescribing.S33 Es bedeutet, dass eine Ärztin oder ein Arzt gemeinsam mit Ihnen festlegt, welches Mittel nicht mehr gebraucht wird oder mehr schadet als nützt. Dieses Medikament wird dann nicht schlagartig weggelassen, sondern über Wochen schrittweise in der Dosis verringert. Fachleute sprechen vom Ausschleichen oder Tapering.
Beim Ausschleichen beobachtet man aufmerksam, wie der Körper reagiert. Treten Beschwerden auf, kann die Dosis vorübergehend auf der letzten Stufe gehalten oder angepasst werden. So wird sichergestellt, dass die zugrunde liegende Erkrankung stabil bleibt und keine Entzugserscheinungen auftreten. Ein erfolgreiches Deprescribing führt bei vielen älteren Menschen zu spürbar mehr geistiger Klarheit, besserer Gangsicherheit und weniger Magenbeschwerden.
Vorbereitung auf das Gespräch: Der Brown-Bag-Review
Ein Medikations-Check braucht Zeit und Ruhe. Er lässt sich nicht am Empfangstresen oder zwischen zwei anderen Untersuchungen erledigen. Vereinbaren Sie in Ihrer Hausarztpraxis gezielt einen gesonderten Termin für ein strukturiertes Medikationsgespräch.S36
Damit dieses Gespräch ein klares Bild liefert, hat sich die Methode der Apothekentasche bewährt, im Fachjargon Brown-Bag-Review genannt.S33 Packen Sie für diesen Termin ausnahmslos alles ein, was Sie an Arzneimitteln im Haus haben und tatsächlich anwenden:
- Alle regelmäßig verordneten Tabletten, Tropfen und Kapseln in der Originalverpackung mit Beipackzettel.
- Alle Bedarfsmedikamente, etwa Schmerzmittel für Notfälle, Asthmasprays oder Salben.
- Sämtliche rezeptfreien Präparate, die Sie selbst in der Drogerie oder Apotheke gekauft haben, wie pflanzliche Schlafhilfen, Schmerztabletten oder Abführmittel. Warum gerade rezeptfreie Mittel oft unerwartete Reaktionen auslösen, erklärt der Beitrag über rezeptfreie Mittel und Wechselwirkungen.
- Alle Nahrungsergänzungsmittel wie Vitaminpräparate, Kalzium, Magnesium oder Zink.
- Den aktuellen Medikationsplan und Entlassbriefe zurückliegender Krankenhausaufenthalte.
Gesetzlich versicherte Personen, die dauerhaft fünf oder mehr verordnete Medikamente einnehmen, haben zudem einen gesetzlichen Anspruch auf eine erweiterte Medikationsberatung in einer öffentlichen Apotheke (§ 129 Abs. 5f SGB V). Eine Apothekerin oder ein Apotheker nimmt sich dabei Zeit, die gesamte Medikation auf Wechselwirkungen, Doppelverordnungen und Anwendungsfehler zu prüfen, und erstellt einen Bericht für Ihre Hausarztpraxis.
Gehen Sie vor dem Gespräch die Fragen aus dem Kasten neben diesem Text in Ruhe durch. Wie sich ein wichtiger Praxistermin allgemein strukturieren lässt, können Sie mit unserer Alltagshilfe Gespräch vorbereiten vorab festhalten.
Grenze der Information. Dieser Beitrag erklärt die Mechanismen von Multimedikation, Wechselwirkungen und die Kriterien für potenziell ungeeignete Wirkstoffe im Alter. Er dient der Orientierung und der Vorbereitung eines Arztbesuchs. Er kann und darf keine ärztliche Beratung ersetzen und trifft keine Aussage darüber, ob ein konkretes Medikament in Ihrem persönlichen Fall notwendig ist. Verändern Sie verordnete Dosierungen niemals eigenmächtig, sondern besprechen Sie jede Anpassung stets mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem behandelnden Arzt.
Quellen
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- Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin: S3-Leitlinie Multimedikation. AWMF-Registernummer 053-043, Version 2.0
- Universität Witten/Herdecke, Lehrstuhl für Klinische Pharmakologie: Potentially Inadequate Medications in the Elderly: PRISCUS 2.0. Deutsches Ärzteblatt International 2023; 120: 3-10
- Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: Potenziell inadäquate Medikation für ältere Menschen: PRISCUS 2.0. Arzneiverordnung in der Praxis, Ausgabe 1/2023
- Bundesministerium für Gesundheit: Elektronischer Medikationsplan und Arzneimitteltherapiesicherheit. gesund.bund.de
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